Dienstag, 17. März 2015

Ein Quartalsirrer schmiert für den Tagesspiegel -- Casdorff über den Iran (Updated)

In seinem unglaublichen Artikel "Wenn es um den Iran geht, hat Israel keine Wahl" lügt Stephan-Andreas Casdorff seiner Leserschaft wieder einmal die Hucke voll. Nach einem verschwurbelten "Ich-mag-ihn-ja-auch-nicht-aber-er-könnte-ja-doch-gewinnen-länger-im-Dienst-war-nur-Ben-Gurion"-Lobhuddelabsatz über den Irren von Tel Aviv, Netanyahu, schreibt er von der Bedrohung des Landes durch -- klar, den Iran.

Zunächst einmal nennt er den Iran eine Mullahkratie, was ein Maß an Unkenntnis über die Partizipationsmöglichkeiten der Iraner offenbart, daß es einen Hund jammert. Die Menschen dort gehen regelmäßig zu den Wahlen und erreichen damit Wahlbeteiligungsquoten, für die hierzulande Jubelorgien gefeiert würden. Selbst der Wächterrat wird gewählt. Keine einzige Anschuldigung der Wahlfälschung ist bisher nicht zurückgezogen worden, das Wahlsystem des Iran ist vom Technischen her sehr viel sicherer als das Deutschlands. Das alles kümmert das Lügenmaul nicht.

Casdorff fährt fort:
Netanjahu sagt also: Kein Abkommen mit dem Iran ist besser als ein schlechtes. Abgesehen davon, dass der schlichte Satz immer und überall richtig ist – in diesem Fall ist er es ganz sicher. Schlecht wäre ein Abkommen, wenn die Nukleartechnik im Iran nicht zu überprüfen wäre. Schlecht wäre, wenn die Mullahs danach Israel immer noch von der Landkarte löschen wollten. Und schlecht wäre, wenn die Nachbarn aus Furcht oder aus Konkurrenzdenken beschließen würden, jetzt auch Atomwaffen zu bauen. Ein atomarer Rüstungswettlauf in der Region, die sowieso schon ein Pulverfass ist, das hätte gerade noch gefehlt.
und wiederholt damit so ziemlich jede Lüge über den Iran, die israelische Hasbara und ihre Freunde im Land der besonders Freien bisher verbreitet haben. Also sehen wir uns das näher an:
  1. Der Iran ist Mitglied des NPT. Es bestehen Vereinbarungen zwischen dem Iran und der IAEA, die eine Kontrolle des Atomprogramms garantieren: INFCIRC/214. Dieses Dokument ist offen einsehbar. Auch für Lügenmaul Casdorff. Alle nukleartechnischen Anlagen des Iran werden kontrolliert. Dies wird mit schöner Regelmäßigkeit von der Organisation selbst bestätigt -- indem sie Berichte über die Kontrollen im Iran veröffentlicht. Der letzte liegt hier: Klick! Auch dieses Dokument ist für Casdorff abrufbar.
  2. Kein einziger Iraner hat verlangt, Israel von der Landkarte radieren, löschen, ausschneiden oder sonstwie verschwinden lassen zu wollen. Der beste Zeuge dafür ist das von der Israelin Meyrav Wurmser und vom israelischen Militärgeheimdienstler Yigal Carmon gegründete Middle East Media Research Institute, einer Einrichtung zur Betonung der Wichtigkeit des Zionismus. Die haben sich Ahmadinejads angeblich berüchtigte Rede angesehen und übersetzt: Klick! Nichts da mit Auslöschen, nichts da mit Radieren von der Landkarte, wie Israel Palästina von der Landkarte radierte, sondern "verschwinden aus den Seiten der Geschichte", und zwar so, wie sich das mit dem Regime des Schahs oder der Sowjetunion eben auch erledigte -- von selbst.
  3. Elegant verpackt Casdorff die Behauptung, der Iran baue an einer Atombombe, in das kleine Wörtchen "auch" ("jetzt auch Atomwaffen zu bauen"). Liebes Mietmaul: Es gibt dort nur ein einziges Land, das Atomwaffen besitzt, neue baut, nicht Mitglied des NPT ist, sich weigert, den Vertrag zu unterschreiben, sich weigert, sich inspizieren zu lassen, und jede Konferenz zu einem WMD-freien Nahen und Mittleren Osten boykottiert oder torpedert: Israel.
Was dann folgt, ist ein Sammelsurium von Vorstellungen über den Bau von Atomwaffen und angeblichen Plänen dafür, wie es einem unterbelichteten Hauptschüler sicherlich gut zu Gesicht stehen würde -- einem halbwegs gebildeten Hauptschüler nicht. Casdorff schreibt nämlich:
Naiv wäre anzunehmen, dass das Regime in Teheran einfach ablassen wird von seinen Atomplänen; wo es doch auf der anderen Seite Uran anreichert und auf den technischen Möglichkeiten zum Bau von Atomwaffen beharrt. Naiv wäre zu glauben, dass die Mullahs einem Abkommen zustimmen würden, das ihnen den Zugang zu Atomwaffen langfristig versperrt; wo das Land sich doch in einem Konkurrenzkampf um die beherrschende Macht in der Region befindet, unter anderem mit dem sunnitischen Saudi-Arabien. Naiv wäre zu erwarten, dass ein Abkommen den Iran dazu bringt, dem Terror abzuschwören und der Unterstützung des Terrors; wo er als schiitische Vormacht doch genau das tut.
Das volle Repertoir zionistischer Verleumdungen, so liest sich das. Werfen wir wieder einen genaueren Blick darauf:
  1. Casdorff schreibt von "Atomplänen" des "Regimes in Teheran". Nun, es sind, soweit es die zivile Nutzung der Kernenergie angeht, die meisten Iraner für diese Pläne. Von Atomwaffenplänen berichtet allerdings niemand, auch nicht die IAEA. In keinem einzigen Dokument der Organisation wird von einem iranischen Atomwaffenprogramm berichtet, ja, es wird nicht einmal eines unterstellt, vermutet oder an die Wand gemalt.
  2. Die Urananreicherung, die der Iran unternimmt, ist notwendig. Zum einen wird damit Brennstoff für die Reaktoren des Landes hergestellt. Dies betrifft die Anreicherung auf 3,75% LEU (niedrig angereichertes Uran). Zum anderen benötigt der Forschungsreaktor in Teheran U235 in 19,75%iger Anreicherung, um medizinische Isotope herzustellen (99Mo => 99mTc). Letzteres ist auf dem Weltmarkt nicht in ausreichendem Maße zu erhalten, also produzieren die Iraner ihre Isotopen selbst. Sie dürfen das, weil sie nach Artikel IV des NPT ein unveräußerliches Recht darauf haben. Und sie haben die Ehrlichkeit dieses Unterfangens bereits nachgewiesen, indem sie schrittweise Brennstoffplatten hergestellt haben, die vom Iran nicht weiter angereichert werden können.
  3. Die Schlußfolgerung, die Mullahs, ah ja, deshalb der Begriff oben, würden sich einem Abkommen gegen Atomwaffen verwehren, ist absolut idiotisch, denn genau das leistet der NPT. Sie haben es schon getan, Freund Blase, sie haben sich dem Verbot des Baus einer Atomwaffe unterworfen.
  4. Der "Iran als Terrorunterstützer" ist ein bekanntes Sujet. Langsam wird dem Leser klar, warum Argentinien und die angeblich verschleierte AMIA-Untersuchung durch die Medien gehechelt wurden. Im immer noch aktuellen Bericht des National Counter-Terrorism Center taucht das Land allerdings nur einmal auf: als Herkunftsland der Opfer. Zum öffentlichen Kalender geht es hier entlang: Klick!
  5. Casdorff hat nicht bemerkt, daß der Iran über eine sehr gut eingespielte Soft-Power-Strategie verfügt, deren Früchte ihm gerade in den Schoß fallen. Saudi-Arabien seinerseits schießt gern mal den Protest der schiitischen Mehrheit in den ölreichen Ostprovinzen oder im Nachbarland Bahrain zusammen, was das Land in des Lügenmauls Augen garantiert zum Botschafter der Demokratie der Region macht -- außer der kleinen, verletzlichen und einzigen sowieso, versteht sich.
Netanyahus Mietmaul Casdorff geht noch einen Schritt weiter. Er versteigt sich zu folgender Aussage:
Benjamin Netanjahu sagt: Wenn der Iran als normaler Staat behandelt werden will, dann soll er sich wie einer verhalten. Wieder ein schlichter Satz – und wer sagt, dass darin nicht schlicht die Wahrheit steckt? Ein normaler Staat: Die Mullahs, an der Spitze Ajatollah Hassan Ruhani, reden freundlicher als der vormalige Präsident Mahmut Ahmadinedschad. Aber hingerichtet wurden unter Ruhani noch mehr Menschen.
Brav nachgeplappert, Schwätzer. Die Iraner haben ihr eigenes Rechtssystem. Du, Casdorff, mußt ja nicht dort wohnen. Nur ist es eben so, daß die Mehrheit der Todesurteile, die ich auch gern als lebenslängliche Freiheitsstrafen sehen wollte, gegen Drogendealer, -schmuggler und -händler oder gegen Mörder verhängt werden, wobei Letztere nach der schiitischen Shari'a auch im Benehmen mit den Familien der Opfer in eine Freiheitsstrafe umgewandelt werden können.

Eine Unverschämtheit aber ist das Verschweigen der Massakerpolitik des Mannes, den er hier lobpreist. Im letzten Gazakrieg wurden von der Soldateska Israels 2131 Menschen ermordet, davon 1473 Zivilisten, unter ihnen 501 Kinder und 257 Frauen. Dazu geht dem Heuchler Casdorff kein einziges Wort über die Lippen. Er äußert sich nicht zum illegalen, weil zusammengeraubten und zusammengestohlenen sowie unkontrollierten Atomwaffenprogramm des Massakerstaats, nicht zu Landraub und Ausradieren Palästinas, nicht zur willkürlichen Entführung von Palästinensern von der West Bank und aus dem Gazastreifen. Jüngst waren unter den 22 Entführten auch wieder sieben Kinder.

Man täte Casdorff sicherlich unrecht, ziehe man ihn einer Auftragsarbeit. Ich fürchte, es ist noch schlimmer. Obwohl alle Fakten nachprüfbar sind, obwohl die Lüge offensichtlich ist, schreibt er seinen Artikel, wie er ihn schreibt. Er ist ein Überzeugungstäter. Das macht es noch schlimmer, denn er wird sich irgendwann, wenn das Mäntelchen nach dem neuen Wind ausgerichtet und das Gewinde im Hals eine Drehung weiter gedreht worden sind, Fragen stellen müssen. Ich hoffe, ich bin dabei.


Update:

DNI James Clapper hat sowohl den Iran als auch die von ihm unterstützte Hezbollah aus der Liste der terroristischen Bedrohungen gestrichen, berichtet die iranische Agentur PressTV:
Highlighting Iran’s regional role, the report pointed to the Islamic Republic’s “intentions to dampen sectarianism, build responsive partners, and deescalate tensions with Saudi Arabia.”

Iran has “overarching strategic goals of enhancing its security, prestige, and regional influence [that] have led it to pursue capabilities to meet its civilian goals,” the report said.

The report also said that Hezbollah is countering ISIL Takfiri terrorists in Syria and Iraq.

Update 2:

Mittlerweile bestätigten die Times of Israel und Newsweek diese Meldung.

    Samstag, 7. März 2015

    Christian Böhme hat es wieder getan

    Wieder beklagt der Chefbeauftragte für den Neuen Antisemitismus beim Tagesspiegel die anti-israelische Stimmung im Land. In seinem Artikel: "Drei judenfeindliche Straftaten pro Tag" schreibt er:
    Der Antisemitismus scheint immer aggressiver zu werden. Auch Zahlen belegen das. Die Regierung sagt, die meisten Übergriffe gehen auf das Konto von Rechtsextremisten. Und was ist mit der Judenfeindschaft unter Muslimen? Ein Kommentar.
    Und dann kommentiert er mal so richtig los. 90% aller gegen Juden gerichteten Straftaten sollten von "alten und neuen Neonazis" verübt worden sein. Warum sie nicht von verübt wurden, sondern mit "sollen" ins Reich der Zweifel verfrachtet werden, bleibt sein Geheimnis. Aber ein Kommentator muß nichts erklären oder belegen, er darf aus dem Bauch heraus schreiben. Recht hat er, wenn er die Gesamtzahl von 1.200 dieser Attacken beklagt, drei am Tag, wie er schreibt, dagegen muß vorgegangen, die Täter müssen eingesperrt werden. Dann kommt es, dann kommt es ihm wie immer:
    Und eine, die für alle nachvollziehbar macht, dass viele Juden in Deutschland ein großes Unbehagen verspüren. Die kaum zu überhörenden antisemitischen Parolen auf Anti-Israel-Demonstrationen während des Gazakrieges befördern dieses Gefühl des Bedrohtseins.
    Böhme konzentriert sich also auf anti-israelische Demonstrationen als Beispiel für den "muslimischen Antisemitismus". Er nennt den Grund wieder nur beiläufig: den Krieg in Gaza, der, ich schrieb es bereits, 2131 Palästinenser das Leben kostete, davon 1473 Zivilisten (69,12%). 501 Kinder und 289 Frauen wurden abgeschlachtet. Gezielt. Das ist für Böhme kein Grund zu Wut und Empörung, nein, die Reaktion von Muslimen hierzulande ist es, obwohl sich Israel als "Staat der Juden" definiert und sein Gesellschaftssystem darauf ausgerichtet hat, daß jüdische Israelis besser gestellt werden als palästinensische. Daß Harkabi davor warnte, daß Juden in der Welt mit Israels falscher Politik in Verbindung gebracht und Israel selbst verantwortlich für antisemitische Vorfälle in aller Welt gemacht werden würde, hat er nicht gelesen, der Musterdemokrat. (Siehe Yehoshafat Harkabi: "Israel's Fateful Hour". Harkabi war der israelische Militärgeheimdienstchef mit der längsten Dienstzeit.)

    Am Ende versteigt sich Böhme zur Anspielung, daß Hakenkeuze von Muslimen an die Wände geschmiert würden. Wieder dominiert der Bauch. Wieder kein Beleg, wieder schürt er Haß. Die kennt man ja, die Muselmänner, das weiß man doch. Die Bundesregierung hingegen, die u. a. auch sein Geschmiere nicht nachvollziehen konnte, weiß gar nichts. Der Populist tobt sich aus. Voller Haß.

    Evelyn Hecht-Galinski, die Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, läßt in ihrem neuen Kommentar "'Angst-machen' ist ihr Geschäft" den israelischen Historiker Tom Segev zu Wort kommen:
    Wir manipulieren den Anstieg des Antisemitismus für unsere Zwecke und wenn ich wir sage, dann meine ich die israelische Regierung.
    Böhme folgt einer Agenda, und nur einer: Israel. Das kann er tun, aber er macht sich auf diese Weise mit Staatsterroristen, Kriegsverbrechern und Völkermördern gemein. Wenn deren unfaßbare Verbrechen, so nennen sie selbst Human Rights Watch und amnesty international und als solche wurden sie von der UN-Kommission Dugards und der des Zionisten Goldstone beschrieben und bewertet, für Böhme kein Grund für einen Aufschrei oder wenigstens leise, heimliche, auf Seite 17, rechts unten und kleingedruckt, vorgebrachte Empörung sind, ist Böhme halt das, was er mit Sicherheit von sich weisen würde: ein islamophober Haßprediger mit einem ins Extreme verrutschten moralischen Koordinatensystem. Kein Journalist, sondern ein Hetzer.

    Mittwoch, 4. März 2015

    Oliver Thränert: "Wo Netanyahu recht hat"

    Der Autor ist lt. Tagesspiegel Leiter des Center for Security Studies in Zürich. In seinem Artikel mit dem oben genannten Titel äußert er sich dahingehend, daß der Iran angeblich verlorengegangenes Vertrauen, das er durch angeblich nicht offengelegte Schritte in seinem zivilen Atomprogramm verspielt habe, durch "Zurückhaltung bei der Urananreicherung" wiedergewinnen sollte.

    Eine eigenartige Formulierung. Der Iran zeigte diese Zurückhaltung von Anfang an. Zunächst einmal gab das Land das waffenfähige Uran, in dessen rechtmäßigem Besitz es war, nach der Revolution ab und ließ seinen Forschungsreaktor amerikanischen Designs auf die Verwendung mit niedrig angereichertem Uran (LEU) umrüsten. Der Iran erklärte sich auch bereit, das Additional Protocol v3.1 zeitweise in Kraft zu setzen, und stellte dessen Ratifikation in Aussicht, würden denn die Sanktionen, die das "unveräußerliche Recht" auf die zivile Nutzung der Atomenergie (NPT, Artikel IV(1) beeinträchtigten, aufgehoben.

    Dies ist nicht geschehen, im Gegenteil: Die Sanktionen wurden über die Jahre verschärft. 2009 schlossen der Iran, die Türkei und Brasilien ein Abkommen ab, dessen Inhalt den Forderungen Barack Obamas in seinem Brief an die IAEA vollends entsprach. Es war die mögliche künftige Präsidentin der USA, Hillary Clinton, die dieses Abkommen in Herrenmenschenmanier aus der Umlaufbahn schoß -- am amerikanischen Wesen soll die Welt genesen.

    Im Iran sind durch die IAEA zigtausend Mannstunden Kontrollen absolviert worden. Die Kette des radioaktiven Materials ist unter vollständiger Kontrolle. Die Anreicherungsanlagen sind unter vollständiger Kontrolle. Es gibt keinerlei Abweichung der Anlagen von den der IAEA vorgelegten Designs. Es gibt kein Uran, das als verschwunden deklariert wird. Es gibt kein militärisches Programm. Die einzige Passage, die Fragen aufwirft, ist eine wie diese:
    71. While the Agency continues to verify the non-diversion of declared nuclear material at the nuclear facilities and LOFs declared by Iran under its Safeguards Agreement, the Agency is not in a position to provide credible assurance about the absence of undeclared nuclear material and activities in Iran, and therefore to conclude that all nuclear material in Iran is in peaceful activities.
    Diese Aussage trifft für jeden Staat der Welt zu. Für Togo kann nicht festgestellt werden, daß es kein nicht angegebenes nukleares Material gibt. Auch nicht für die Bundesrepublik Deutschland. Was aber auf jeden Fall gilt, ist, daß kein Uran verschwunden ist.

    Thränert spricht von Verhandlungen, in denen es um die "erlaubte" Zahl der iranischen Zentrifugen gehe. Das ist absurd. Der Iran darf Zentrifugen haben, so viele er will, sofern er sie rechtzeitig bei der IAEA anzeigt. Das ist ein Recht des Landes aus NPT Artikel IV(2). Anschließend fordert er intensivere Kontrollen im Iran. Das kann er gern tun, es gelten aber die Abkommen des Iran mit der IAEA. Zu mehr als den verabredeten Safeguards ist der Iran nicht verpflichtet, Thränerts Forderungen hin, Thänerts Forderungen her.

    Zum Schluß unterstellt der Autor auf erstaunlich ahnungslose Weise, der Iran dürfe nach Ablauf einer Frist von zwei Jahren die Umsetzung des Zusatzprotokolls von sich aus beenden. Hier irrt sich der Experte. Der Iran ist zu keiner Umsetzung des APv3.1 verpflichtet. Kein NPT-Staat ist das.

    Den Gipfel aber stellt die Aussage dar, der Iran müsse die Hosen herunterlassen, um zu einem "normalen" Staat zu werden. Thränert schreibt diese Zeilen in einem Artikel mit dem Titel "Wo Netanyahu recht hat". Israel hat sich sein Atomwaffenprogramm als Belohnung für den Angriffskrieg gegen Ägpyten grundausstatten lassen, raubte im Schutz seiner Kanonenboote auf dem Mittelmeer 200 Tonnen Uran vom EURATOM-Frachter MS Scheersbergs A, stahl waffenfähiges Uran aus der Tarnfirma NUMEC in den USA und klaute gleich noch Mikrowellenröhrenverstärker, ohne die eine Atomwaffe damals nicht gezündet werden konnte. Israel blockiert heute noch mit seiner Boykottpolitik die Schaffung eines WMD-freien Nahen und Mittleren Ostens.

    Wo Netanyahu recht hat? Wo seine Hunde bellen, obwohl die Karawane längst weitergezogen ist.

    Sonntag, 1. März 2015

    Christian Böhme und der "Neue Antisemtismus"

    Christian Böhme vom Tagesspiegel unterstellt dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller, er stelle sich blind, weil er gesagt habe, er nehme die Gefährdung von Juden in bestimmten Gebieten Berlins nicht so wahr, wie es der Zentralrat der Juden in seiner Warnung formuliert habe. Für Böhme ist der offene Antisemitismus in Berlin ein ausgemachtes Ding; Offensichtliches werde von Müller verdrängt.

    Desweiteren unterstellt Böhme die Existenz von No-Go-Arealen für Juden, eine Beunruhigung DER Juden in Deutschland und also auch in Berlin und einen muslimischen Antisemitismus.

    Das alles gibt es, und ein derartiges Gefüge ernst zu nehmen ist die Pflicht der Innenpolitiker Berlins und des Regierenden Bürgermeisters. Dann aber schreibt Böhme:
    Aber wenn – wie während des Gazakriegs im Sommer geschehen – arabische Jugendliche auf deutschen Straßen „Tod den Juden“ skandieren, muss auch das alle alarmieren. Und es braucht eine starke Antwort darauf. Politik wie Gesellschaft sind gleichermaßen in der Pflicht.
    Der Anlaß der Demonstrationen wird mit einem Einschub abgehakt, dann wird wieder zur Tagesordnung übergegangen. Böhme macht denselben Fehler, den die meisten Journalisten hierzulande machen: Er differenziert nicht zwischen Judentum, Zionismus und Israel. Wieder einmal wird die Ursache des Konflikts von den zionistischen Kolonialisten weggeschoben auf den den Arabern in Böhmes Augen wohl wesenseigenen Antisemitismus, dem Haß auf Juden, weil sie Juden sind. Wie Finkelstein in "Antisemitismus als politische Waffe" schreibt, ist das "Thema dann nicht länger die Inbesitznahme palästinensischen Landes durch Juden, sondern die arabische »Abwehrhaltung« gegenüber Juden. Auch die grundlegende Verantwortung für die Lösung des Konflikts liegt dann nicht mehr bei Israel, sondern bei der arabischen Welt." (Ebd., S. 72.)

    Während des von Böhme erwähnten Gazakriegs 2014 wurden 2131 Palästinenser ermordet, davon 1473 Zivilisten (69,12%). 501 Kinder und 289 Frauen wurden von der moralischsten Armee der Welt umgebracht.

    Das ist nicht Böhmes Thema, sondern der dümmliche Ruf "Tod den Juden", dessen Anlaß im Massenmord an Palästinensern begründet war.

    In der Diskussion über Antisemitismus und Israel-Kritik wird häufig Bezug genommen auf einen Bericht der "Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" (EUMC) mit dem Titel "Manifestations of Anti-Semitism in the European Union". Es handelt sich bei der EUMC nicht um ein Organ der EU, sondern um eine selbständige Einrichtung. Diese Organisation nun weigerte sich zunächst, die "Manifestations" zu veröffentlichen, worauf Kritik vom Jüdischen Weltkongreß auf die Entscheidungsträger einprasselte. Der Grund des Zurückhaltens des Papiers war der auch von Javier Solana erkannte Mangel "an schlüssiger Argumentation und empirischer Zuverlässigkeit" (Ebd., S. 75). Autoren der Studie waren Werner Bergmann und Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin.

    Die "Manifestations" entstanden während der israelischen Operationen "Defensive Shield" und der Belagerung des Flüchtlingslagers Jenin und "Determined Path". Dementsprechend häufig waren die Proteste in Europa. Zielsicher wurde als Antisemitismus identifiziert:
    • das Verbrennen einer israelischen Fahne,
    • das Einschlagen eines Schaufensters,
    • haßerfüllte Telefonanrufe bei der Botschaft Israels (alles in Belgien),
    • die Forderung der Unterstützung für die Palästinenser (Spanien),
    • eine palästinensische Flagge und ein Buch des Vertreters Palästinas in Italien während eines Kongresses der Kommunistischen Partei Italiens,
    • das "Palästinensertuch" ebendort,
    • das Hissen der palästinensischen Fahne auf dem Balkon der Residenz des Vorsitzenden der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, durch dessen Frau,
    • Anrufe und E-Mails an die israelische Botschaft in Portugal und
    • Flugblätter mit der Aufforderung, der Bewegung "Boykott, Divestment, Sanctions" zu folgen und keine israelischen Produkte aus den besetzten Gebieten zu erwerben. (Ebd., S. 77 f.)
    Wieder wird der Anlaß der Proteste verdrängt, die teilweise unappetitlichen Vorgänge werden in den Vordergrund gestellt. Die kennt man ja, die Araber. Dummerweise will das mittlerweile in FRA umbenannte EUMC von dieser Studie nichts mehr wissen. Nach heftiger Kritik der "European Jews for a Just Peace" ist die "Arbeitsdefinition Antisemitismus" gründlich ausgemistet und mit allgemeinen Formulierungen überschwemmt worden. Dennoch: Für Deutschland wurden lt. überarbeiteter Studie 2001 18 antisemitische Vorfälle registriert, für 2002 28 und für 2003 16. Welche Ursache diese Schwankung haben könnte, wurde nicht untersucht.

    Die Antonio-Amadeu-Stiftung verzeichnet folgende Angriffe und Anschläge (nur die Zahlen):
    • 2002:49
    • 2003:81
    • 2004:67
    • 2005:61
    • 2006:114
    • 2007:79
    • 2008:85
    • 2009:57
    • 2010:81
    • 2011:43
    • 2012: 34
    • 2013:72
    • 2014: 176
    Auch hier gibt es Häufungen: 2003, 2006, 2008/2009, 2010 und 2014. Im Jahr 2006 ermordete die Israel Defense Force nach dem Einmarsch in den Libanon wenigstens 1125 Menschen, davon wenigstens 501 Zivilisten. 2008/2009 wurde Gaza bombardiert. Ungefähr 1400 Menschen starben, davon 926 Zivilisten (darunter 341 Kinder). 2010 erschossen israelische Soldaten neun Menschen an Bord einer Hilfsflottille, die sich in internationalen Gewässern befand. 2014 wurde Gaza erneut angegriffen, die Opferzahlen habe ich oben angeführt.

    Böhme weiß das alles, und wenn er es nicht weiß, hätte er es nachlesen können. Das war ihm zuviel Arbeit. Der Bauch hat gewonnen. Oder er weiß, was sich gehört.

    Samstag, 28. Februar 2015

    Schümanns perfider Erguß

    Die Iraner bauen sich einen Sperrholzflugzeugträger, der der Größe nach der Nimitz-Klasse nahekommt, also eines Schifftyps, wie er im Persischen Golf die Grenzen der USA beschützt: Klick!, Klick!, Klick!, Klick!, Klick! oder Klick!. Dann schießen sie ihn im Rahmen eines Manövers zusammen: Klick!

    Tagesspiegel-Schümann folgert daraus Schwäche und Irrsinn:
    Der iranische Flugzeugträger ist nur ein Spielzeug. Was machen kleine Kinder mit ihrem Spielzeug? Sie machen es kaputt.
    Rrrummms! Krawumm! machte es dieser Tage in der Straße von Hormus, und die über ein Jahr anhaltende Arbeit von zig Flugzeugträgerattrappenbauern war dahin und plumpste ins Wasser zwischen Arabischem Meer und Indischem Ozean. Und die Menschen, die von Land aus dem Spektakel zuschauten, jubelten. Das iranische Fernsehen übertrug live.

    Absurd? Bescheuert? Ja, beides!
    Um dann fortzufahren mit einer eleganten Wendung, dem unvermeidlichen "Leider":
    Aber leider auch ernst gemeint, nämlich als Warnung an die USA. Eigentlich verhandelt das iranische Regime gerade auf friedliche Weise mit den Amerikanern über ein Atomabkommen. Nun spielte das iranische Fernsehen Worte des Staatsgründers Ayatollah Khomeini ein: „Wenn die Amerikaner auf dem Grund des Persischen Golfs begraben sein wollen, dann sei es so.“
    Natürlich sind es die Iraner, die die Bedrohung im eigenen Machtbereich darstellen, nicht etwa amerikanische Flugzeugträger, nuklear angetrieben oder nicht, die darin herumfuhrwerken. Nicht die "Optionen", die nach Obama auf Israels Wunsch hin auf dem Tisch liegen, nicht völkerrechtswidrige Resolutionen und Sanktionen, nein, die Iraner dräuen.

    Die Zielrichtung seines perfiden Kommentars gibt Schümann allerdings freimütig zu: Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Um die geht es, auch in anderen Blättern: FAZ, ZEIT oder SPIEGEL. Die Wette gilt: Die Verhandlungen werden ergebnislos beendet werden, obwohl sie nach Meinung der Iraner erfolgreich beendet werden könnten. Wer hält dagegen?

    Glücklicherweise spinnen die Schümanns dieser Welt wieder einmal die Irrationalitätsgebetsmühle und bereiten uns auf das Scheitern der Gespräche vor. Wieder einmal geschieht das alles völlig unabhängig voneinander, zufällig haben sie alle die gleiche Eingebung. Gott sei Dank. Unserem Gott sei Dank. Nicht dem der anderen.

    Donnerstag, 26. Februar 2015

    Unverschämte Hetze und "überparteiliche" Redaktionspolitik

    Der Tagesspiegel veröffentlichte heute einen Artikel unter dem Titel: "Zentralrat der Juden warnt vor Tragen der Kippa". Auf eine entsprechende Antwort auf die Behauptung, es gebe einen neuen Antisemitismus, erdreistete sich ein unerträglicher Schmierfink, der sich p.petersen nennt, mir Antisemitismus zu unterstellen. Das tat er nicht das erste Mal, dieses Mal aber unter der Anmerkung:
    Ohne auf ihre Propaganda einzugehen:
    Da tut er recht, denn mit Wissen ist es bei ihm nicht weit her. Der Vollständigkeit halber -- und als Einleitung für ein regeres Treiben auf diesem Blog --, hier meine vollständige Antwort, die vom Tagesspiegel nicht veröffentlicht wurde:
    Ohne auf Ihre Propaganda einzugehen (die vermeintliche meinerseits lesen Sie bitte bei der UNO nach: Klick!, Abschnitt "(iii) THE EFFECT OF THE JEWISH SETTLEMENT ON THE ARAB."): Sie lassen absichtlich den ersten Teil des von der Menge skandierten Rufs weg. Das mache ich Ihnen nicht zum Vorwurf, weil der Teil außer von der Berliner Abendschau von allen anderen Medien ebenfalls seltsam geschlossen ignoriert wurde: "Netanyahu, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!" Ich darf Sie daran erinnern, daß dieser Ruf während eines Massakers an Palästinensern geäußert wurde, dessen Opfer zu 70% Zivilisten waren; das macht es vielleicht nicht besser, aber der Zusammenhang ist objektiv gegeben. Netanyahu wußte übrigens nahezu in Echtzeit, daß der Gazastreifen und die Hamas kaum etwas mit der Ermordung zweier Jugendlicher und eines IDF-Soldaten auf dem Weg nach Gush Etzion zu tun haben konnten. Näheres dazu finden Sie in Norman G. Finkelsteins "Method and Madness", pp. 135 ff.

    Auf den Staat Israel werden keine jahrhundertealten Vorurteile übertragen, weil diese jahrhundertealten Vorurteile jahrhundertealte
    europäische Vorurteile sind. Muslimische/arabische Vorbehalte waren zudem niemals eliminatorisch; in diesem Bereich haben wir Deutschen es zur Meisterschaft gebracht.

    Die Hamas beteiligt sich an einer Konsensregierung mit der PA. Sie erkannte offiziell Abbas' Positionen an, wie sie von USA und EU gefordert worden waren: Anerkennung Israels, Absage an Gewalt und Anerkennung vorheriger Abkommen. (Jack Khoury: "Abbas: Palestinian unity government will recognize Israel, condemn terrorism", In: Haaretz, 26.4.2014.)

    Wie gesagt, ich mache Ihnen den Mangel an Wissen nicht zum Vorwurf. Nur Ihre unsägliche Antisemitenschmiererei, die von der Community-Redaktion unterstützt wird, fällt auf Sie zurück. Wegen Mangels an Masse.

    Stecken Sie Ihre Nase in Bücher. Das hilft.
    Meinen Account beim Tagesspiegel habe ich eben löschen lassen. Das gibt mir mehr Zeit, mich hier zu dem zu äußern, was die Autoren und die völkischen Beobachter unter den Kommentatoren von sich geben.

    Dienstag, 11. März 2014

    Lustiges Wischiwaschi der Kalten Krieger in der Ukraine

    Angesichts der beispiellosen Propagandawelle, die nach dem Putsch der Hakenkreuzler, Wolfsangelträger und Preisboxeranhänger über den Westen schwappt, begnüge ich mich mit der Wiedergabe des Briefs, den Willy Wimmer nach seiner Teilnahme an der Konferenz in Bratislava vom 28-30.4.2000 an Kanzler Schröder schrieb:

    Willy Wimmer, Mitglied des Bundestages,
    Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Niederrhein,
    Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE

    Herrn Gerhard Schröder, MdB,
    Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland,
    Bundeskanzleramt, Schlossplatz 1, 10178 Berlin
    Berlin, den 02.05.00

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

    am vergangenen Wochenende hatte ich in der slowakischen Hauptstadt Bratislava Gelegenheit, an einer gemeinsam vom US-Außenministerium und American Enterprise Institute (außenpolitisches Institut der republikanischen Partei) veranstalteten Konferenz mit den Schwerpunktthemen Balkan und NATOErweiterung teilzunehmen.

    Die Veranstaltung war sehr hochrangig besetzt, was sich schon aus der Anwesenheit zahlreicher Ministerpräsidenten sowie Außen- und Verteidigungsminister aus der Region ergab. Von den zahlreichen wichtigen Punkten, die im Rahmen der vorgenannten Themenstellung behandelt werden konnten, verdienen es einige, besonders wiedergegeben zu werden:

    1. Von Seiten der Veranstalter wurde verlangt, im Kreise der Alliierten eine möglichst baldige völkerrechtliche Anerkennung eines unabhängigen Staates Kosovo vorzunehmen.

    2. Vom Veranstalter wurde erklärt, dass die Bundesrepublik Jugoslawien außerhalb jeder Rechtsordnung, vor allem der Schlussakte von Helsinki, stehe.

    3. Die europäische Rechtsordnung sei für die Umsetzung von NATO-Überlegungen hinderlich. Dafür sei die amerikanische Rechtsordnung auch bei der Anwendung in Europa geeigneter.

    4. Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien sei geführt worden, um eine Fehlentscheidung von General Eisenhower aus dem 2. Weltkrieg zu revidieren. Eine Stationierung von US-Soldaten habe aus strategischen Gründen dort nachgeholt werden müssen.

    5. Die europäischen Verbündeten hätten beim Krieg gegen Jugoslawien deshalb mitgemacht, um de facto das Dilemma überwinden zu können, das sich aus dem im April 1999 verabschiedeten "Neuen Strategischen Konzept" der Allianz und der Neigung der Europäer zu einem vorherigen Mandat der UN oder OSZE ergeben habe.

    6. Unbeschadet der anschließenden legalistischen Interpretation der Europäer, nach der es sich bei dem erweiterten Aufgabenfeld der NATO über das Vertragsgebiet hinaus bei dem Krieg gegen Jugoslawien um einen Ausnahmefall gehandelt habe, sei es selbstverständlich ein Präzedenzfall, auf den sich jeder jederzeit berufen könne und auch werde.

    7. Es gelte, bei der jetzt anstehenden NATO-Erweiterung die räumliche Situation zwischen der Ostsee und Anatolien so wiederherzustellen, wie es in der Hochzeit der römischen Ausdehnung gewesen sei.

    8. Dazu müsse Polen nach Norden und Süden mit demokratischen Staaten als Nachbarn umgeben werden, Rumänien und Bulgarien die Landesverbindung zur Türkei sicherstellen, Serbien (wohl zwecks Sicherstellung einer US-Militärpräsenz) auf Dauer aus der europäischen Entwicklung ausgeklammert werden.

    9. Nördlich von Polen gelte es, die vollständige Kontrolle über den Zugang aus St. Petersburg zur Ostsee zu erhalten.

    10. In jedem Prozess sei dem Selbstbestimmungsrecht der Vorrang vor allen anderen Bestimmungen oder Regeln des Völkerrechts zu geben.

    11. Die Feststellung stieß nicht auf Widerspruch, nach der die NATO bei dem Angriff gegen die Bundesrepublik Jugoslawien gegen jede internationale Regel und vor allem einschlägige Bestimmungen des Völkerrechts verstoßen habe.

    Nach dieser sehr freimütig verlaufenen Veranstaltung kommt man in Anbetracht der Teilnehmer und der Veranstalter nicht umhin, eine Bewertung der Aussagen auf dieser Konferenz vorzunehmen.

    Die amerikanische Seite scheint im globalen Kontext und zur Durchsetzung ihrer Ziele bewusst und gewollt die als Ergebnis von 2 Kriegen im letzten Jahrhundert entwickelte internationale Rechtsordnung aushebeln zu wollen. Macht soll Recht vorgehen. Wo internationales Recht im Wege steht, wird es beseitigt. Als eine ähnliche Entwicklung den Völkerbund traf, war der Zweite Weltkrieg nicht mehr fern. Ein Denken, das die eigenen Interessen so absolut sieht, kann nur totalitär genannt werden.

    Mit freundlichen Grüßen
    W. Wimmer

    Ich denke, damit ist alles gesagt.

    Sonntag, 25. August 2013

    Chemiewaffeneinsatz in Syrien?

    Die Presse ist voll davon: Assad habe Chemiewaffen einsetzen lassen und damit, so die Kannibalen, 1300 Tote verursacht (lt. Guardian 1400, lt. Ärzte ohne Grenzen 355 Opfer mit Vergif- tungssymptomen).

    Auch der Tagesspiegel schlägt in die gleiche Kerbe, und Gesinnungsjournalist Gehlen macht es offenbar riesigen Spaß, die Mordsoptionen, die es seiner Meinung nach gibt, durchzuspielen.

    Nun kann man sich leicht auf die bisher bekannten Tatsachen berufen:
    1. Kein einziges in Videos oder Bildern gezeigtes Mitglied des medizinischen Personals trägt einen Vollschutzanzug oder auch nur eine Gasmaske. Das Gottvertrauen scheint grenzenlos zu sein, denn eigentlich wissen die Ärzte, daß sie Opfer eines chemischen Angriffs behandeln. Oder so.
    2. Kein einziges Opfer zeigt Pupillen, die so groß sind wie Stecknadelköpfe, welche ein sicheres Zeichen für einen Nervengaseinsatz wären.
    3. Der angebliche Giftgaseinsatz ereignete sich angeblich nur zehn Kilometer vom Hotel (Four Seasons) der gerade eingetroffenen UN-Chemiewaffeninspektoren entfernt. Obama hat bereits eine rote Linie gezogen, die Rest-NATO stimmte dem zu, also müßte Assad wissen, was ihm blüht, wenn er Chemiewaffen einsetzt. Dennoch soll er es tun?
    Mittlerweile hat sich eine Reihe von Experten gemeldet, die die Unterstellungen stark anzweifeln oder als Unsinn deklariert haben.
    1. Dan Kaszeta, ehemaliger Offizier des U.S. Army Chemical Corps: "None of the people treating the casualties or photographing them are wearing any sort of chemical-warfare protective gear, and despite that, none of them seem to be harmed. [...] there are none of the other signs you would expect to see in the aftermath of a chemical attack, such as intermediate levels of casualties, severe visual problems, vomiting and loss of bowel control."
    2. Steve Johnson, "Giftforscher" der Cranfield University in England und Berater des britischen Verteidigungsministeriums für chemische Kriegsführung: "[F]rom the details we have seen so far, a large number of casualties over a wide area would mean quite a pervasive dispersal. With that level of chemical agent, you would expect to see a lot of contamination on the casualties coming in and it would affect those treating them who are not properly protected. We are not seeing that here."
    3. Ha'aretz fragt nach dem taktischen Vorteil, den die syrische Armee von einem Einsatz chemischer Waffen haben solle, wo doch die Kannibalen in den letzten Wochen immer weiter zurückgedrängt worden seien.
    4. Mutter Agnes Mariam de la Croix hat ihre Bekannten im angeblichen Einsatzgebiet der angeblichen Chemiewaffen kontaktiert: "Mother Agnes-Mariam has contacted friends living in Kashkoul: one street away  from Aïn Tarmah.  Nobody had felt anything abnormal, nobody was disturbed by nausea, headache etc… No odors,  no dismay…The mother of our Forman is living in Abassin Square, a few meters away from Jobar. Nobody felt or smelled anything there either."
    5. Die gleiche Quelle verweist auf die Folgen eines Chemiewaffeneinsatzes der Kannibalen für einen ohne entsprechenden Schutz arbeitetenden syrischen Arzt: "When the rebels attacked Barzeh neighborhood with chemical bomb we knew one martyr called Mouhammad Assi who was immediately killed and transported to the hospital (first week of may 2013). The doctor who was curing him was poisoned with the remains of Sarin Gas in the clothes of this man and he had to be accepted in the intensive care for days…."
    6. Am fraglichen Tag herrschte in und um Damaskus eine Windgeschwindigkeit von 23 bis 25 km/h, also eine Windstärke, die zu starken Verwehungen eines eingesetzten Giftgases führen und daher die Konzentration am Einsatzort senken würde.
    Nach den zweifelsfrei nachgewiesenen Chemie- und Atomwaffen im Irak und den Luftangriffen Ghaddafis auf seine Bevölkerung haben wir es also mit einer weiteren irren wie wirren Unterstellung zu tun, die einen Militäreinsatz der sogenannten Wertegemeinschaft rechtfertigen soll.

    Dazu paßt auch die Behauptung, Assad würde den Einsatz der Chemiewaffeninspektoren der UNO absichtlich hinauszögern. In Wahrheit, so erfahren aber nur die Leser von Foreign Policy, ist es die UNO selbst, die die Untersuchung hinauszögert, und zwar aus den Gründen, die Assad angeblich wahrheitswidrig anführt: Sicherheitsbedenken. Colum Lynch und Noah Shachtman: Klick!
     
    Was sonst noch? Pünktlich wie zum Essensgong erscheint ein "rafbenham" als neue Dumpfbacke im Kommentarenkostüm der Tagesspiegel-Community und plärrt von "alle Massaker wurden von Assad verübt" bis "zweifelsfrei bewiesener Chemiewaffeneinsatz". Der Mann erscheint in Schreibe wie Denke als Reinkarnation des feigen Wehrdienstflüchtlings und inkompetenten Möchtegernmilitärhistorikers Wolfgang Hebold. Das Präfix "raf" scheint auf eine ungemein starke (theoretische) Kriegsbegeisterung hinzudeuten, was eine weitere Parallele zu "Endlich!"-Wolfgang alias "matkal" (welche Selbstironie: ein Feigling nennt sich nach einer Eliteeinheit) wäre. Er bringt wie weiland Kriegs-Hebold keinerlei Belege für seine hanebüchenen und m. E.  volksverhetzenden Beiträge bei, antwortet grundsätzlich nicht auf Fragen und schlägt sich ins Gebüsch, wenn es für ihn peinlich wird. Eine Sockenpuppe, die mit Unterstellungen um sich schlägt wie ein waidwundes Tier im propagandistischen Schützengraben ... Einfach widerlich. Und der Tagesspiegel läßt ihn gewähren. Lustig.

    Sonntag, 23. Juni 2013

    Ex-Außenminister Roland Dumas zu Syrien

    Es ist das gute Recht des Tagesspiegels, die Kommentare der Community zu zensieren. Dies geschieht in letzter Zeit immer genau dann, wenn eine aktuelle Propagandakampagne in Frage gestellt wird.

    Es ist bisher keinem Kommentator gelungen, auf folgendes Interview des ehemaligen französischen Außenministers Roland Dumas zu verlinken:


    Meine Übersetzung:
    Ich will Ihnen mal was sagen. Ungefährt zwei Jahre vor Ausbruch der Feindseligkeiten war ich in anderen Geschäften in England, nicht wegen Syrien. Ich traf mich mit britischen Vertretern, und einige von ihnen, Freunde von mir, gaben mir gegenüber zu, indem sie nach meiner Meinung fragten, daß sie etwas in Syrien vorbereiteten. Das war in England, und nicht in den Vereinigten Staaten. England bereitete die Invasion der Rebellen in Syrien vor. Sie fragten mich als ehemaligen Außenminister sogar, ob ich daran teilnehmen wolle. Natürlich lehnte ich ab. Ich bin Franzose, das interessiert mich nicht. Das heißt, diese Operation kommt von einem Ort weit entfernt (von Syrien).
    So etwas kann man natürlich nicht veröffentlichen.

    Sonntag, 16. Juni 2013

    Martin Gehlen verbreitet im Tagesspiegel Unwahrheiten

    In der Online-Ausgabe des Tagesspiegels vom 16.6.2013 schreibt Gehlen nach der Wahl Rowhanis zum iranischen Präsidenten unter der Überschrift: "Ruhani plant Politik der Aussöhnung und des Friedens" u. a.:
    Nachfolger Mohammed Khatami ließ ihn im Amt, ernannte ihn 2003 darüber hinaus zum Chefunterhändler der Islamischen Republik mit der internationalen Atomenergiebehörde in Wien (IAEO), nachdem iranische Exilkreise im Jahr zuvor das geheime Atomprogramm Teheran an die Weltöffentlichkeit gebracht hatten. Unter Ruhanis Regie erklärte sich Iran damals bereits, mit der IAEO zu kooperieren und die Urananreicherung zu stoppen.
    Diese Passage enthält mehrere Unwahrheiten, um es höflich zu formulieren.
    1. Das Atomprogramm des Iran begann am 5.3.1957 unter der Atoms for Peace-Initiative Eisenhowers. Das Kalkül war m. E., dem Iran den erhöhten Export von Öl schmackhaft zu machen, indem eine Lösung für seine Energieversorgungsprobleme und den Ausbau der heimischen Industrie angeboten wurde. 1967 wurde zusammen mit den USA das Tehran Nuclear Research Center geschaffen, ein Jahr später trat der Iran dem Atomwaffensperrvertrag bei. Weitere Schritte und Angaben über die Partner des iranischen Atomprogramms finden sich hier in Form von Zeitungsausschnitten: Blasts from the Past: Western Support for Iran's Nuclear program. Das Programm ist also seit 45 Jahren bekannt. (Siehe ausführlich auch hier: Klick!)

    2. Gehlen spielt auf das unterstellte Atomwaffenprogramm des Iran an, bezeichnet aber das gesamte Nuklearprogramm als geheim. Entweder er hat schlampig formuliert, schlampig recherchiert oder wissentlich die Unwahrheit geschrieben. Und selbst die Unterstellungen, die gegenüber dem Iran ständig erhoben werden, sind zweifelhafter Natur.

      Am 14.8.2002 wurde eine Pressekonferenz abgehalten, die kaum auf dem Radar der westlichen Medien auftauchte, später aber zur ernsten Konfronation zwischen Iran und "Lobby" führen sollte und noch heute das Potential hat, einen Dritten Weltkrieg auszulösen.

      Hauptdarsteller der Pressekonferenz waren Vertreter der Organisation "National Council for Resistance in Iran" (NCRI). Diese Gruppe ist der politische Flügel der Mujahideen-e Khalq, der MEK, die damals noch auf der Liste der "Foreign Terror Organizations" des US-Außenministeriums stand. Die Einreise der Vertreter mußte also gegen geltendes US-Gesetz erlaubt worden sein. (Vgl. Scott Ritter: "Target Iran. The Truth About the White House's Plans for Regime Change", pp. xv ff.)

      Auf dieser Pressekonferenz in der Lobby des Willard Hotels wurde die Existenz eines geheimen Atomwaffenprogramms im Iran unterstellt. Die Basis bildeten sogenannte Geheimdienstinformationen, die von Tel Aviv über das "Committee for a Democratic Iran" (u. a. Michael Ledeen (Ex-American Enterprise Institute), James Woolsey (Ex-Chef der CIA), Morris Amitay (Ex-Chef des American Israel Public Affairs Committee) und Rob Sobhani (ein Freund des Schah-Sohns)) an das NCRI weitergegeben worden waren. (Ebd., p. xxv.)

      Dieselben Information waren schon am 8.2.2002 ans Weiße Haus gegeben worden, wurden aber von CIA-Chef Tenet als wenig glaubhaft zurückgewiesen.

      Für den 20.8.2002 war ein Treffen von russischen und iranischen Regierungsvertretern geplant, auf dem die Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit besprochen und der bereits im Juli desselben Jahres unterzeichnete Vertrag über den Bau von fünf weiteren Kernkraftwerken ausgeweitet werden sollte. Also war Eile angesagt.

      Nachdem die israelische Regierung in Washington abgeblitzt war, wurde ein anderer Akteur angesprochen, der die "Informationen" an die Öffentlichkeit geben sollte: Schah-Sohn Reza Pahlavi. Der lehnte dankend ab, obwohl er häufiger Gast des Likud-Blocks in Tel Aviv war. Vielleicht war er um den letzten Rest seines Rufs besorgt. So erklärt sich die Instrumentalisierung der MEK für israelische Zwecke.

    3. Die Einstellung der Konversions- und Anreicherungsarbeiten sowie die im Artikel fehlende Übernahme des Additional Protocols durch das Verhandlungsteam um den zum Reformer erklärten Rowhani geschah ausdrücklich zeitweilig und im Ergebnis des Paris Agreements. Der Westen versprach dem Iran technische Hilfe für die Entwicklung seines Atomprogramms sowie die Lieferung des für den Betrieb des Teheraner Forschungsreaktors nötigen Brennstoffs. Beides wurde nicht eingehalten, so daß der Iran die Ratifizierung des AP stoppte und seine Aktivitäten wiederaufnahm. Rowhani hat seine Erfahrungen mit der Ehrlichkeit des Westens in Verhandlungen und der Verläßlichkeit im Einhalten von Versprechen gemacht.
    Ich kann mir nicht vorstellen, daß Gehlen nicht um diese Vorgänge weiß. M. E. lügt er bewußt. Wäre es nicht so, verdiente er die Berufsbezeichnung "Journalist" nicht. So stellt er sich in den Dienst fremder Interessen, denn Deutschlands Ziel kann nicht sein, auf die Zusammenarbeit mit dem Iran zu verzichten. Dort gibt es genügend Investitionsbedarf, der hierzulande zu mehr Arbeitsplätzen führen könnte.